Ottheinrichsbau


Der um 1556-60 entstandene Ottheinrichsbau ist der größte Palastbau des Schlosses. Er wurde unter Kurfürst Ottheinrich (=Otto Heinrich, Kurfürst 1556-1559) errichtet. Architekt könnte Hans Engelhardt gewesen sein, der bereits den Gläsernen Saalbau errichtet hatte. Mit Bestimmtheit läßt sich jedoch nicht sagen, wer Architekt des Ottheinrichsbaus war. Die prunkvolle Fassade des Gebäudes gilt als bedeutendstes Beispiel deutscher Renaissance-Baukunst. Bemerkenswert ist vor allem der aufwendige von Alexander Colin geschaffene Figurenschmuck. In der unteren Reihe sind links des Hauptportals sind Josua und Simson und rechts des Hauptportals Herkules und David dargestellt. Die vier Standbilder des Erdgeschosses werden durch Konsoleninschriften - Verse in gotischen Buchstaben - erklärt.
(1) Der erste Vers beschreibt Josua, der gemäß der biblischen Überlieferung, in der Führung der israelitischen Stämme nach Palästina, Moses nachfolgte:
"Der hertzog Josua durch Gotteß macht / Ein und dreissig künig hat umbracht."
(2) Der zweite Vers beschreibt Simson (griech.: Samson), einen im Alten Testament vorkommenden Helden und Nasiräer (von hebr.: 'nazir' =gottgeweihter Mensch) der gegen die Philister kämpfte:
"Samson der starck ein Nasir Gotteß war / Beschirmet Israhel wol zwentzig Jar."
(3) Der dritte Vers beschreibt Herkules (griech.: Herakles), den Sohn des Zeus (lat. Entsprechung: Jupiter), der - um den Status eines Gottes zu erlangen - zwölf Taten zu vollbringen hatte:
"Joviß sun Herculeß bin Ich genandt. / Durch mein herliche thaten wol bekandt."
(4) Der vierte Vers beschreibt David, der laut biblischer Überlieferung Goliath besiegte, Jerusalem eroberte und die Philister unterwarf:
"David war ein Jüngling gehertzt und klug / Dem frechen Goliath den kopff abschlug."

Die Figuren des ersten Obergeschosses symbolisieren Stärke, Glaube, Liebe, Hoffnung und Gerechtigkeit (die Tugenden eines christlichen Herrschers). Stärke und Glaube befinden sich links, Hoffnung und Gerechtigkeit rechts des Hauptportals. Bei der Figur, die sich als Krönung des Hauptportals genau über diesem befindet, handelt es sich um eine Personifizierung der Tugend 'caritas', der Liebe des Herrschers zu seinen Untertanen. Konsoleninschriften sind hier nicht vorhanden. Die Figuren sind jedoch auf Grund ihrer Attribute als Darstellungen der genannten Tugenden identifizierbar. So ist 'Stärke' mit zerbrochener Säule, 'Glaube' mit Bibel, 'Liebe' mit zwei Kindern, 'Hoffnung' mit dem Anker und Gerechtigkeit mit Schwert und Waage dargestellt.

Die Figurenreihe des zweiten Obergeschosses zeigt die antiken Götter Saturn, Mars, Venus, Merkur und Luna. Auf dem Dach sind Sol und Jupiter zu sehen, die einst die heute nicht mehr vorhandenen Zwerchgiebel zierten. Auch hier fehlen sind die Figuren, in Ermangelung von Konsoleninschriften, allein an den Attributen erkennbar. Saturn ist seine Kinder fressend dargestellt, was auf die ihm dargebrachten Kinderopfer anspielt, die in der römischen Tradition allerdings durch Tieropfer ersetzt wurden. Der Kriegsgott Mars ist in kriegerischem Schmuck, Venus mit Amor, Merkur mit Flügelhelm und Flügelstab und Luna mit der Mondsichel dargestellt. Der Sonnengott Sol wird mit Strahlenkranz und Jupiter, der höchste römische Gott und Beherrscher des Himmels, des Blitzes und des Donners, wird mit dem Blitz in der Rechten und dem Adler zu seinen Füßen dargestellt. Durch Einbeziehung des antiken Götterpantheons ist der Figurenschmuck - wie bei Kunstwerken der Renaissance nicht anders zu erwarten - dem Humanismus verpflichtet. Das programmatische Konzept der Frontfassade wurde wahrscheinlich von Ottheinrich selbst entworfen.


Die Erdgeschoßfasade links des Hauptportals mit den Figuren Josua und Simson

Als Hauptschmuck der Fassade erscheint das großartige Portal, das in seinem Aufbau und seiner Detaillierung zu den gelungensten Leistungen dieser Art auf deutschem Boden zählt. Unter der Caritas befindet sich das Relief des Bauherrn Ottheinrich. Darunter befindet sich die Wappentafel mit dem kurfürstlichen Wappen, und unter dieser eine Tafel, die mit folgendem Wortlaut Namen und Titel des Bauherrn nennt: "Ott Hainrich von Gottes gnaden Pfaltzgraf bei Rhein. Des heyligen Römischen Reichs Ertzdruchseß und Churfürst. Hertzog in Nidern und Obern Baiern."


Der Ottheinrichsbau in
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Literatur

Hubach
, Hanns. "Kurfürst Ottheinrich neuer hofbaw in Heidelberg: neue Aspekte eines alten Themas", in: Mittelalter: Schloss Heidelberg und die Pfalzgrafschaft bei Rhein bis zur Reformationszeit, redaktionell betreut von Volker Rödel. Regensburg, 2002. S. 191-218.
Öchelhäuser, Adolf von. Das Heidelberger Schloss. Heidelberg, 1987. S. 53-63.
Poensgen, Georg.
"Der Ottheinrichsbau als Ausstellungsforum", in: Studien zur Kunst des Oberrheins. Festschrift für Werner Noack. Konstanz, Freiburg i.Br., 1959. S. 162-170.
Rossmann, Kurt. Der Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses und sein Bauherr. Heidelberg, 1949.

Thomas Juelch - Heidelberg und die Kurpfalz

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